„Goethes Statthalter“: Zu Ernst Beutlers 60. Todestag am 8. November 1960

Am 8. November 1960, vor 60 Jahren, starb Ernst Beutler, der langjährige Direktor des Freien Deutschen Hochstifts. Benno Reifenberg, der große Frankfurter Publizist und Mitherausgeber der FAZ, notierte an diesem Tag in sein Tagebuch: „In der Konferenz über Notstand, Kongo. Meine Sekretärin Helga Hummerich schickt mir einen Brief herein: Beutler heute früh gestorben. Schreibe Nekrolog in der Hauptwache in mein altes französisches Schulheft. 1 ¾ Stunden. Später diktiert, beim Überlesen der Korrektur kommen mir die Tränen“. Noch im April des Jahres hatte Ernst Beutler zu seinem 75. Geburtstag als erster und bisher einziger Literaturwissenschaftler und Museumsleiter den Goethepreis der Stadt Frankfurt am Main erhalten. Einen Preis, „den er hundertfach verdient hatte“, wie sein Freund und Frankfurter Ehrenbürger Albert Schweitzer in seinem Kondolenzschreiben an die Stadt Frankfurt schrieb. Wenige Tage zuvor, Ende März 1960, waren die ‚Briefe aus dem Elternhaus‘, als erster Ergänzungsband der unter seiner Leitung seit 1949 herausgegebenen Goethe-Gedenkausgabe erschienen. „Vielleicht darf man sagen, auch hier ist ein Goethehaus wieder aufgebaut worden, vom Leben seiner Bewohner, von der Familie her“, schrieb Beutler im Vorwort des Bandes, der neben den Briefen von Johann Caspar, Catharina Elisabeth und Cornelia Goethe auch drei bedeutende Essays über Goethes Eltern und Schwester enthielt. Er selbst empfand die drei Lebensbildnisse als die Krönung der eigenen literaturwissenschaftlichen Tätigkeit. Diese Leistung, mit der er seine Goethe-Dienstzeit beschloss, zeugt von jener Ehrfurcht, mit der er die Geschicke des Freien Deutschen Hochstifts – den widrigen Zeitverhältnissen zum Trotz – über 35 Jahre hinweg leitete.

„Vornehm, heiter, weise und zugleich witzig, ein Plauderer und Briefeschreiber voll Anmut, ein Bücher- und Bilderkenner, war er für alle, die ihn verehrten, nicht nur der Direktor des Goethehauses, sondern selbst eine lebendige Verbindung zur Goethezeit“, schrieb der Germanist und Goethe-Herausgeber Erich Trunz in seinem Nachruf. Aus aller Welt erreichten das Freie Deutsche Hochstift Beileidsbekundungen. Bundespräsident Lübke kondolierte, Bundeskanzler Adenauer würdigte Beutlers Verdienste, ebenso der Hessische Ministerpräsident Georg August Zinn und zahlreiche Minister, Persönlichkeiten des öffentlichen und des kulturellen Lebens. Zur Beisetzung am 12. November war ‚Tout Francfort‘ auf dem Frankfurter Hauptfriedhof erschienen, wo der gesamte Magistrat, viele Stadtverordnete und langjährige Wegbegleiter von Beutler Abschied nahmen.
Der Journalist Günther Rühle, der unmittelbar nach dem Krieg in Frankfurt Beutlers Student an der Universität war, beschrieb die Lebensleistung seines akademischen Lehrers mit den Worten: „Bibliothek und Museum sind um Hunderte von Dokumenten bereichert, das Bild von einst gesichert. Seinem Nachfolger wird es überlassen sein, aus den Beständen des Hochstifts endlich die großen Ausgaben von Brentano, Achim von Arnim, der Bettina zu schaffen, die studentische Jugend wieder an das Haus am Hirschgraben zu binden und ihr mit der Kenntnis jener Welt auch die Werte jener Welt weiterzugeben, die er in Goethes Schule der Ehrfurcht verkörpert sieht.“
Ernst Beutler war ein Glücksfall für das Freie Deutsche Hochstift. Auch die anderen Direktoren vor ihm waren starke Persönlichkeiten mit Visionen gewesen, aber niemand verkörperte die Möglichkeiten, die in dieser Bürgerstiftung liegen, so sehr in seiner Person wie er. Unter seiner Direktion, die wahrlich in keine günstige Zeit fiel, gelang es ihm, das Ansehen des Freien Deutschen Hochstifts in der ganzen Welt zu mehren. Niemals vorher oder nachher war die Bekanntheit größer, die Mitgliederzahl höher, das Hochstift geachteter als in der Amtszeit Beutlers. Dass ihm das zu einer Zeit gelang, als man mit Deutschland in der Welt vor allem Ungeist, Gewalt und nicht wieder gutzumachendes Leid verband, verdient allergrößten Respekt. Denn als er 1925 aus Hamburg nach Frankfurt kam, übernahm er nach Weltkrieg und Inflation den Verein und das Museum in schwierigen Zeiten. Das Frankfurter Goethe-Museum in seiner heutigen Form ist seine Kreation, die Handschriftensammlung wäre ohne sein Wirken nicht eine der größten Sammel- und Forschungsstätten der Romantik und schließlich: ohne sein Engagement stünde das Frankfurter Goethe-Haus nicht mehr an seinem Platz – zumindest nicht so, wie wir es kennen und lieben. Die Eröffnung des originalgetreu wiederaufgebauten Dichterhauses vor 70 Jahren, dem wir im Jahr 2021 gedenken, war vor allem ihm zu verdanken. Der Dichter Thomas Mann gratulierte Beutler 1951: „Aber nehmen Sie denn und ganz Frankfurt, ganz Deutschland meine herzlichen Glückwünsche zu dem Ereignis! Ich stelle Sie voran, weil es ohne Ihren festhaltenden Willen und Enthusiasmus kaum Ereignis geworden wäre. Im Übrigen - was kann man Besseres wünschen, als daß im deutschen Volk der Geist seines besten Sohnes, dieses Fürsten des Friedens und der Gesittung, immer fester und tiefer Wurzel schlagen möge“.
Ernst Beutler war „Goethes letzter Statthalter“, wie es in einem Nachruf hieß. Goethes Geist zu bewahren, war für ihn keine museale Aufgabe, kein Goethekult sollte hier getrieben werden. Auf ein Institut, das frei und unabhängig von den politischen Zeitströmen agierte, das die Tradition der Goethezeit, ihr geistiges Erbe, und die Idee der Frankfurter Bürgerkultur in der Gegenwart bewährte und wachhielt, sah Beutler in einer sich stark verändernden Welt noch größere Aufgaben zukommen. „Es repräsentiert«, schrieb er einem jungen Anwärter für den Verwaltungsausschuss, dem höchsten Gremium des Freien Deutschen Hochstifts, „in manchem Sinne den Namen Goethes gegenüber der Nation und gegenüber der Welt. Und da dieser Name der beste geistige Besitz ist, den Deutschland hat, bin ich fest überzeugt, dass immer grössere Aufgaben an uns herantreten werden, in der sich so sehr verändernden Welt“. Er hat Recht behalten. Und auch das Deutsche Romantik-Museum, das ihm schon als Idee vorschwebte und das er mit seinen Ankäufen von Büchern, Handschriften und Gemälden über Jahrzehnte hinweg vorbereitete, ist ein Zeugnis dieser Geisteshaltung. Am 8. November 2020 gedenkt das Hochstift des 60. Todestages Ernst Beutlers.

Joachim Seng

 

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Ernst Beutler (2. v. l.) zwischen Bundespräsident Theodor Heuss und Frankfurts Oberbürgermeister Walter Kolb bei der Eröffnung des wiederaufgebauten Frankfurter Goethe-Hauses am 10.5.1951.

 

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